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Julius Kühn

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Wer war Julius-Kühn?

Julius Kühn – 1825 bis 1910

Der Begründer des Landwirtschaftlichen Instituts in Halle/Saale und Schöpfer der modernen Phytopathologie im 19. Jahrhundert in Deutschland

Seit seinem Tode vor hundert Jahren wurde Julius Kühn in zahlreichen Schriften immer wieder gewürdigt und auf seine großen und bleibenden Leistungen für die Landwirtschaft und für den Pflanzenschutz hingewiesen. Dabei ist der Pflanzenschutz nur ein, aber entscheidender Teil seines großen Schaffens in der Landwirtschaft Deutschlands.


Als Mensch kann Julius Kühn in vielem mit August Hermann Francke, dem Begründer der bekannten und berühmten halleschen Stiftungen verglichen werden. Beide hatten Weltruf erlangt. Kühn wie Francke haben in ihrer Bescheidenheit, aber Entschlossenheit und Zielstrebigkeit – aus der Praxis kommend und mit ihrer Wissenschaft bis zu ihrem Tode trotzdem in der Praxis bleibend – unendlich viel erreicht. Sie wirkten beide nicht nur für die damaligen Zeiten, sondern genauer noch für heute und für kommende Generationen.


Julius Kühn hatte ein außergewöhnliches Gespür für praktische Abläufe in der Landwirtschaft und eine unbändige Leidenschaft zum Lernen und Forschen. Seine umfangreichen Arbeiten und Forschungen im Acker- und Pflanzenbau sowie in der Tierhaltung und Tierzucht, in der Fütterung, Agrarökonomik und anderem, z. B. auch erste Versuche zur Einführung der Drillsaat oder zur Düngung, z. B. dem Aufschluss von Knochenmehl mit Schwefelsäure, waren Vorläufer für spätere Forschungsarbeiten. Gleichzeitig hat er jahrzehntelang, beginnend während seiner langen Praxisjahre in großen landwirtschaftlichen Betrieben, aktuelle Fragen des Pflanzenschutzes und der Phytopathologie bearbeitet und intensive, z. T. über viele Jahre dauernde Untersuchungen und Versuche durchgeführt.


Die umfangreichsten und längsten betreffen die Rübennematoden, das Auftreten, die Biologie und Bekämpfung dieses größten und problematischsten Schädlings im Zuckerrübenanbau in Deutschland im vorvorigen Jahrhundert. Er hat bis heute seine Bedeutung nicht verloren. Auf den damals in der Provinz Sachsen 280 000 ha betragenden Anbau der Zuckerrüben richtete der Rübennematode vielfach verheerende Schäden an. Die Erträge sanken teilweise auf 25 bis 20 dt/ha. Julius Kühn wurde 1875 von der Zuckerrübenindustrie mit der Erforschung der durch Nematoden hervorgerufenen so genannten „Rübenmüdigkeit“ beauftragt. Im Rahmen seiner langjährigen Forschungen erkannte er als klare Ursache den im Boden lebenden Rübennematoden und entwickelte zur Bekämpfung das Fangpflanzenverfahren. Dadurch wurden in wenigen Jahren wieder normale Zuckerrübenerträge von 180 bis 220 Zentner pro Morgen erreicht.

Sein hierzu am 8. Januar 1889 in der entscheidenden Versammlung des Landwirtschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen gehaltenes Grundsatzreferat führte mit Nachdruck zur Bildung des Vorgängers des Pflanzenschutzamts Halle, der „Versuchsstation für Nematodenvertilgung Halle/Saale“. Schon im folgenden Jahr 1890 wurde sie zur „Versuchsstation für Nematodenvertilgung und Pflanzenschutz Halle/Saale“ erweitert. Dies war die erstmalige Bezeichnung einer derartigen Institution für den angewandten Pflanzenschutz in ganz Deutschland. Der Begründer dieser ältesten Pflanzenschutzeinrichtung im Deutschen Reich war Julius Kühn. Er ist bis zu seinem Tode (1910) der Leiter der damaligen Versuchsstation gewesen; der erste Stellvertreter war Max Hollrung.

Die Ausstrahlung von Kühns jahrzehntelangen Untersuchungen ging so weit, dass die Phytopathologie in Forschung und Lehre bis zu seinem Ende in Europa und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika weitgehend ausgebaut war. Somit galt Halle auch als erste wissenschaftliche phytopathologische Forschungsstätte in Deutschland. Die Phytopathologie ist mit Julius Kühn durch vier Hauptfaktoren zu dem geworden, was sie heute darstellt:

  • Seine jahrzehntelangen eigenen praktischen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, Erfahrungen und Untersuchungen auf dem Ackerboden. Er war und blieb praktischer Landwirt und wurde im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern praktisch forschender Biologe und Phytopathologe.
  • Das Mikroskop. Mit diesem untermauerte und bewies er seine Versuchsergebnisse. Er wurde scherzhaft „Mikroskopenamtmann“ genannt.
  • Sein weit vorausschauendes organisatorisches Talent.
  • Seine überragende Tätigkeit als Hochschullehrer und als Mensch.

Bei allem muss eine bemerkenswerte Tatsache erwähnt werden:
Durch seine unermüdliche Arbeit für die Grundsteinlegung des „Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle“ (27. Februar 1863) und damit auch für die Begründung des „Landwirtschaftlichen Universitätsstudiums“ hat Kühn auch im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftlern der damaligen Zeit keine Reisen in andere Länder und Erdteile unternommen. Und doch ragt er in seinem gesamten Leben, in seinem Wirken, seinen unwiderlegbaren Erkenntnissen sowie auf Grund seiner umfangreichen praktischen Erfahrungen über viele andere, auch große Wissenschaftler Deutschlands in seiner Zeit hinaus. Selten haben so viele namhafte und hoch stehende Wissenschaftler, und nicht nur aus der Landwirtschaft, ihre anerkennenden Gedanken und Meinungen über Julius Kühn zum Ausdruck gebracht. Zu seinen wissenschaftlichen Brief- und Gesprächspartnern gehörten z. B. Alexander von Humboldt, Schleiden, Göppert, Cohn, Rabenhorst, Darwin, Caspary, Zeiss.

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Die erste Hälfte seines Lebens (1825-1862)

Diese galt ausschließlich einer praktisch-wissenschaftlichen Tätigkeit. Julius Kühn wurde am 25. Oktober 1825 in Pulsnitz in der Oberlausitz geboren. Nach Schulbesuch, dem Schulwechsel an die Realschule und anschließend an die Technische Bildungsanstalt (späteres Polytechnikum) in Dresden wurde er im Anschluss an seine praktische Lehre im väterlichen Betrieb landwirtschaftlicher Verwalter und bereits in jungen Jahren leitender Beamter in verschiedenen großen landwirtschaftlichen Betrieben. Die Äußerung seines Vaters in einem Brief an ihn vom 24.3.1858 sie hier erwähnt: „Ein Landwirt, der durch seine Tätigkeit es dahin bringt, dass auf einem Lande, wo vorher ein Grashalm wuchs, künftig zwei wachsen, sei ein größerer Wohltäter der Menschheit als alle Politiker von der Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeit“.
 
Schon diese Zeit führte zur Herausgabe seines ersten großen berühmt gewordenen und Epoche machenden Werkes „ Die Krankheiten der Kulturgewächse, ihre Ursachen und ihre Verhütung“. Dieses Werk fand den ungeteilten Beifall der damaligen wissenschaftlichen Welt, unter anderem auch von Humboldt, Justus von Liebig, Cohn, Göppert, Rabenhorst. Dieses Buch und sein zweites großes Werk „Die zweckmäßige Ernährung des Rindviehs“ (13 Auflagen) begründeten weitgehend seinen wissenschaftlichen Ruf.

1855/56 wurde ihm vom damaligen Landwirtschaftsminister ein zweisemestriges Studium in Bonn-Poppelsdorf gewährt, das er mit bestem Erfolg absolvierte. Während seiner anschließenden Dozententätigkeit an der landwirtschaftlichen Akademie in Proskau/Oberschlesien promovierte er an der philosophischen Fakultät in Leipzig mit dem Dissertationsthema „Über den Brand des Getreides und das Befallen des Rapses und über die Entwicklung des Maisbrandes“. So führten seine Forschungstätigkeit und die Leistung großer landwirtschaftlicher Betriebe zum Vorschlag einer Professur nach Halle. Berlin schlug er wegen des Umfanges der Großstadt aus, „während in Halle, inmitten der intensivsten Landwirtschaftsbetriebe, ein guter Erfolg voraussichtlich erreichbar sei“.

Bei der Ackerbautagung der 1885 gegründeten Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft regte Kühn die Errichtung eines Netzes von Beobachtungsstellen für Pflanzenkrankheiten an, den Vorläufern der heutigen Pflanzenschutzdienste der Bundesländer.

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Die zweite Hälfte seines Lebens (1862-1910)

Die begann und endete in Halle. 1862 wurde er Professor für Landwirtschaft an der Philosophischen Fakultät der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, jetzt Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bei seiner Übersiedlung nach Halle sagte er: „Möchte es mir vergönnt sein, auch hier als guter Ackermann und Sämann befunden zu werden.“ Am 28. Oktober 1862 hielt Kühn seine Antrittsvorlesung. Sein Lehrstuhl wurde vom Lehrkörper der Universität nicht voll begrüßt; ein Historiker äußerte sogar: „Wir haben jetzt einen Mistprofessor“. Auch galt er oft als „schwieriger Beamter“ mit seinem unermüdlichen Durchsetzungsvermögen.


Neben der Errichtung des weltbekannt gewordenen „Haustiergartens“ mit 130 Tierarten und 1000 Tieren zur Tierzuchtforschung sowie zu Fütterungs- und Haltungsfragen errichtete er 1865 eine „Versuchsstation des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle“ mit dem 115 ha großen Versuchsfeld, auf dem seit 1878 der in der Welt ebenfalls bekannt gewordene „Roggen-Dauerversuch“ (Ewiger Roggenbau) durchgeführt wird.

Die Errichtung des Landwirtschaftlichen Instituts in Halle wurde Vorbild für landwirtschaftliche Institute in Deutschland sowie in vielen anderen Ländern. – Im Gegensatz zu den in Deutschland schon bestehenden landwirtschaftlichen Akademien, wie Hohenheim, Möglin und anderen, trat er schon 1853 für eine klare Trennung von Studium und Praxis ein, d. h.  für die gründliche praktische Ausbildung vor dem Studium.

Seine Vorlesungen besuchten anfangs nur einige Studenten, doch schon in wenigen Jahren bis über 300 je Semester. In den 92 Semestern, die er von 1862 bis 1909 las, hörten bei ihm etwa 21 000 Landwirte, davon über 5000 Ausländer. Er fesselte seine Hörer mit seiner Überzeugungskraft, der Tiefe seines Vortrages sowie mit der Güte und Lauterkeit seines Charakters. Dies brachte ihm die Treue seiner Schüler ein. Als äußeres Zeichen seiner Wertschätzung erhielt er 1888 von ihnen den Ehrentitel „Vatter Kühn“. Bei allem blieben ihm aber schwere menschliche Schicksalsschläge nicht erspart.

Erwähnt werden muss abschließend die Vielzahl seiner größeren Veröffentlichungen über alle damaligen aktuellen Fragen der gesamten Landwirtschaft, dabei vor allem auch des Pflanzenschutzes und der Phytopathologie. Allein in den ersten 40 Jahren von 1852 bis 1891 veröffentlichte er 242 Schriften, davon 142, also bald 2/3, über Pflanzenschutz.

Julius Kühn hat zahlreiche Würdigungen und Ehrungen schon zu seinen Lebzeiten erhalten. Unter anderem viele staatliche Orden aus dem In- und Ausland, unter anderem den „Großherzoglich Sächsische Hausorden der Wachsamkeit oder vom weißen Falken“. Er war seit 1874 Mitglied der „Leopoldina“ in Halle, der ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Akademie der Welt. Und er war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Kaiserlichen Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft, die 1898 in Berlin gegründet wurde. Seit 1979 vergibt die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft den Julius-Kühn-Preis an junge Wissenschaftler unter 40 für herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Phytomedizin.

Zum 1. Januar 2008 wurde im Rahmen einer Strukturreform die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, die Bundesanstalt für Züchtungsforschung und zwei Institute der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft zum Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen zusammengeführt, das nach ihm benannt wurde und Julius Kühn-Institut heißt.