Bericht Fachgespräch „Krankheitsprognose-Obstbau“
am 23. und 24. November 2011 im Julius Kühn-Institut, Institut für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau, Dossenheim
Die Reduzierung des chemischen Pflanzenschutzes auf ein notwendiges Maß und die nachhaltige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln werden von der Politik, den Umweltverbänden, dem Handel und schließlich vom Verbraucher gefordert. Es besteht gesellschaftlicher Konsens dahingehend, dass der Reduktion der Risiken des chemischen Pflanzenschutzes vor dem Hintergrund des gesundheitlichen Verbraucherschutzes und des Schutzes des Naturhaushaltes eine hohe Priorität eingeräumt wird. Die genannten gesellschaftlichen Belange und wissenschaftlichen Vorgaben machten die Organisation eines Fachgespräches sinnvoll mit dem Ziel, einen Überblick über die aktuelle Situation und den Stand der Grundlagenforschung zu erhalten. Erfahrungen sollten ausgetauscht und Kooperationen initiiert werden.
Der Obstbau ist auf die Anwendung hinreichend wirksamer Pflanzenschutzmittel im Rahmen entsprechend differenzierter Einsatzstrategien des integrierten Pflanzenschutzes angewiesen, um das hohe Risiko von Ernteverlusten und gravierenden Qualitätseinbußen zu minimieren. Betroffen sind ökologische und alle weiteren Anbauformen, die Tafelobst wirtschaftlich und mit vermarktungsfähiger Fruchtqualität produzieren. Neben der Verfügbarkeit wirksamer Pflanzenschutzmittel sind die Anwendungshäufigkeit, die Dosis, die jeweilige Terminierung und die differenzierte Auswahl der Behandlungsmittel Grundlagen für einen nachhaltigen Pflanzenschutz. Im Obstbau verursachen vor allem Pilzkrankheiten den größten Anteil des Aufwandes an Pflanzenschutzmitteln. Zur Bekämpfung von Krankheiten sind häufige Anwendungen gegen den pilzlichen Haupterreger Apfelschorf und gegen den bakteriellen Erreger des Feuerbrandes erforderlich.
Ein hohes Potenzial, chemische Pflanzenschutzmaßnahmen deutlich reduzieren zu können, sehen Experten in der Entwicklung von Modellen und Entscheidungshilfen für die Prognose von Pflanzenkrankheiten. Wissenschaftliche Grundlage hierfür ist, die meteorologischen Parameter und phänologischen Daten der Wirtspflanze exakt zu erfassen und mit dem Infektionspotential und der Epidemiologie des Erregers zu kombinieren. Die Sensorik zur Erfassung der relevanten Umweltbedingungen hinsichtlich einer erfolgreichen Infektion durch direkte Messdaten und/oder indirekt durch Modellierung verfügbarer meteorologischer Daten liefern wichtige Grundlagen für Prognosemodelle. Technische Neuentwicklungen sowie neue Erkenntnisse über die Biologie der Schadorganismen ermöglichen die Weiterentwicklung der Prognosemodelle. Vor Praxiseinführung ist die Validierung der Modelle erforderlich. Wichtig ist auch die Aufarbeitung, Bewertung und Publikation der Daten und Modelle sowie die Beratung der Anbauer vor Ort.
Etwa 50 Personen nahmen an dem Fachgespräch teil. Neben Gästen aus Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Italien kamen Berater (inklusive des Bereiches ökologischer Obstbau), Mitarbeiter der Pflanzenschutzdienste der Länder. des Deutschen Wetterdienstes (DWD), Wissenschaftler/innen, Projektpartner der Industrie (Meteorologie) und Vertreter der ZEPP (Zentralstelle der Länder für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz).
Neben dem Feuerbrand war die Prognose zum Apfelschorf das vorherrschende Thema. Das JKI stellte Ergebnisse aus einem Innovationsprojekt zur „Förderung der Elektronik in der Landwirtschaft“ des BMELV (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbrau-cherschutz) vor. Hierbei wurde zum status quo der Neuentwicklungen/Prototypen für Blattnässesensoren, Sensoren für kinetische Energie des Regens sowie zu einem mathematischen Modell für Blattnässe referiert. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) berichtete über ein Modell zur Blattbenetzungssimulation. Eindrucksvoll stellten die Privatberatung, die Pflanzenschutzberatung der Länder sowie die Kollegen aus dem benachbarten Ausland ihre Prognosestrategien zum Feuerbrand und Apfelschorf dar. Thematisiert wurden die verwendete Sensorik, die Spezifikationen der Wetterstationen sowie deren Messnetz, der hohe anspruchsvolle Organisationsgrad für die Datenauswertung und die Anwendung und Grundlagen der Modelle. Die Umsetzung der meteorologischen Daten bis hin zur Vermittlung von Warnaufrufen an die Obstbauern kamen nicht zu kurz. Eine ebenfalls wichtige Diskussion entspannte sich zur Prognose und Ermittlung des Inokulumpotentiales (Ascosporen) in der Primärsaison des Apfelschorferregers und zur Verifikation des tatsächlich auftretenden Befalls im Vergleich zu den Vorhersagen der Modelle. Vor dem Hintergrund der erfolgten Warnungen stellten die Experten aktuelle Pflanzenschutzstrategien für den integrierten und ökologischen Obstbau vor. Ein Modell des DWD zu Schorfprognose anhand der Wettervorhersage erläuterte ein Beitrag am Beispiel des Landes Sachsen. Die Einbindung der ZEPP für die Prognose und deren Bedeutung für den Pflanzenschutzdienst der Länder wurde vorgestellt.
In den Diskussionen ergaben sich kontroverse Standpunkte bezüglich der Sensorik per se oder Blattnässe-Modellierungen. Letztere können alleine oder im Verbund mit der Nässesensorik eingesetzt werden. Die Teilnehmer stellten fest, dass nur ein geringer Teil der prognostizierten Infektionen tatsächlich im Freiland vorkommt. Die Diskussion führte zu Bewertungen bestimmter Sensorstandards und zeigte den notwendigen weiteren Forschungs- und Handlungsbedarf auf.
In diesem Zusammenhang stellten sich folgende Fragestellungen als bedeutsam für zukünftige Untersuchungen:
- Einfluss der kinetischen Energie des Regens auf die Sporenausschleuderung im Freiland
- Feststellung der Triggerschwelle der Ascosporenausschleuderung bei Tag bzw. Nacht
- Vergleich von Sensoren im Sinne einer Standardisierung, Bewertungen
- Biologische Evaluierung (reale Infektionen) prognostizierter Infektionen
- Weiterentwicklung der Nässesensoren mit variablen Eigenschaften (Abtrockenverhalten, Anpassung an die Saison u.a., technische Modellierungen der Abtrocknung)
- Differenzierungsmöglichkeit nicht infektionsrelevanter Tauperioden
- Feststellung von Wartungsaufwand, Abhängigkeit von Position (Neigung u.a.), Alterungsbeständigkeit (Drift)
- Vergleich der Sensordaten mit mathematischen Modellen der Blattnässe aus Temperatur und Feuchte. Einbezug der Wettervorhersage
- Kommunikation und Bewertung der Ergebnisse, Kooperationen an verschiedenen Standorten.
Ebenso wurden die Prognosemodelle und Pflanzenschutzstrategien und die möglichen Verbesserungen erörtert. Forschungs- und Handlungsbedarf besteht besonders zu folgenden Themen:
- Entwicklung von verbesserten Modellen zur Pseudothecienreife (Ascosporenpotential) und der Phänologie der Wirtspflanzen
- Entwicklung und Verbesserung der Pflanzenschutzkonzepte
- Validierung der Pflanzenschutzmaßnahmen nach Prognose
- Verbesserung der Feuerbrandprognose
- Weiterentwicklung der Schorfprognose (Einbindung neuer Sensorik, Blatttrockenzeiten u.a.)
- Einbindung der ZEPP als zentrale Plattform für neue Prognosemodelle.
Auf Wunsch der Teilnehmer ist ein 2. Fachgespräch „Krankheitsprognose-Obstbau“ im Jahr 2013 vorgesehen.
